Die Heidegrunder Straße

(Autor: Werner Riedel)

Die Geschichte der Heidegrunder Straße zeigt auf, wie die Integration von Vertriebenen aus Schlesien in der Nachkriegszeit in Föhrste verlaufen ist. Sie ist eng mit dem Schicksal von Alfred Riedel verbunden. Sein Werdegang sollte die folgenden Ereignisse dieser Straße maßgeblich mitbestimmen.

 

Kriegseinsatz als Soldat im letzten Aufgebot

Alfred Riedel, Jahrgang 1927, gehört zum letzten Jahrgang, der als Soldat einberufenen wurde. Mit 17 Jahren wurde er im Schnelldurchgang zum Soldaten der Wehrmacht „ausgebildet“ und im Januar 1945 an die Front in eine völlig sinnlose Schlacht des militärisch längst verlorenen Krieges gegen die Rote Armee geschickt. Er kam dadurch in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Mai 1948 entlassen wurde, um sich direkt auf den Weg nach Westen zu begeben.

 

Ankunft im Westen

Er teilte das Schicksal der Millionen deutscher Flüchtlinge, die durch die Beschlüsse der Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz im August 1945, die nur aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit aus den deutschen Ostgebieten vertrieben wurden. Die Bewohner von Heidegrund wurden geschlossen von den polnischen Behörden ausgewiesen und in einem Transport nach Westen gebracht. Die Transporte der Vertriebenen wurden von den Alliierten auf die einzelnen Besatzungszonen verteilt.

 

Der Stadt Alfeld, die 1939 eine Einwohnerzahl von 7.528 hatte, wurden innerhalb kurzer Zeit ab Januar 1946 über 12.000 Vertriebene zugewiesen. Die Einwohnerzahl hatte sich ohne Vorankündigung und Vorbereitung mehr als verdoppelt. Entsprechend angespannt waren die Reaktionen in der Bevölkerung. Willkommen waren die Vertriebenen in ihrer neuen Heimat nicht unbedingt, denn es herrschte Mangel und Not an allen Ecken und Enden. Die Anzahl der Vertriebenen und Neuangekommenen überstieg den vorhandenen Wohnraum bei weitem. Die Verwaltung der Stadt musste daher die Vertriebenen in der Stadt und in den umliegenden Dörfern verteilen. Dieses Bevölkerungswachstum stellte einen völligen Bruch mit der Vorkriegszeit dar. Die bisherige soziale Ordnung in der Stadt Alfeld und den umliegenden Dörfern war dadurch unwiederbringlich zerfallen und zwang alle Beteiligten in die neue Ordnung der Zusammenbruchgesellschaft hinein.

 

Alfred Riedel folgte zunächst seinem Vater Bruno nach Capellenhagen und war froh, bei einem Bauern ein Quartier zu bekommen und für Essen und Trinken arbeiten zu dürfen. Als er von einer freien Stelle bei einem Bauern in Föhrste hörte, machte er sich zu Fuß auf den Weg. Von Gerzen kommend geht er den Feldweg zwischen Humberg und Schlehberg entlang und war sich über seine augenblickliche Lage im Klaren; mittellos, wohnungslos, arbeitslos und ohne konkreten Zukunftsplan in der Tasche.

Beim Blick auf die Felder zwischen den beiden Wäldern hatte er plötzlich eine Idee:

  • Hier will ich ein Haus bauen.
  • Hier ist ein idealer Platz zum Wohnen: am Dorfrand, nah am Bahnhof und sicher vor Hochwasser.

Die Stelle beim Bauern war bereits vergeben, der Weg war aber nicht umsonst, denn wenig später fand er doch eine Stelle bei einem anderen Bauern in Föhrste.

Zur Behebung der extremen Wohnungsnot ordnete die Gemeindeverwaltung in Föhrste die Beschlagnahmung von einzelnen Zimmern in den intakten Häusern nebst Inventar an und dort wurden bedürftige Familien einquartiert, d.h. zu den einheimischen Familien zog eine oder mehrere Vertriebenenfamilien ein. Dies war für alle Beteiligten eine höchst komplizierte Situation, die für alle Beteiligten sehr anstrengend war. Alfred Riedel landete auf diesem Weg in der Wilhelmstraße.

Hoffnung auf Besserung

Als Mitte der 50er Jahre das Bundesministerium für Vertriebene (BMVt) ein Programm für die Gewährung von zinsverbilligten Darlehen zum Hausbau auflegte, nahm der Traum von Alfred Riedel zum Bau eines Eigenheims konkretere Gestalt an. Er sah wie in den frühen 50-er Jahren am heutigen Schlehenstieg die ersten zwei Häuser entstanden:

  • Schlehenstieg 1 damals Albert Fricke, heute Henning Look
  • Schlehenstieg 2 damals August Meier, heute Thomas Jahns

Die Grundstücke daneben aber waren weiterhin freie Felder. Eigentümer war die Familie Kurt Schaper, die die Poststelle in Föhrste betrieb, daher auch in Föhrste nur „Post Schaper“ genannt. Diese ist aber nicht mit der nebenan wohnenden Familie Hellmuth Schaper, die das Restaurant Schaper’s Krug betrieb, zu verwechseln. Also fragte Alfred Riedel bei Kurt Schaper bezüglich eines Verkaufs eines Baugrundstücks an, aber dieser hatte kein Interesse an einem Verkauf.

Zwei Jahre später änderte sich die Situation. Kurt Schaper wurde Erbe. Allerdings musste er im Rahmen des Erbes eine Abfindung an seine Miterben auszahlen. Daher beabsichtigte er nun, das Flurstück am Schlehberg zu verkaufen. Der Verkauf von Bauland an Vertriebene war in der damaligen Zeit alles andere als ein alltäglicher Vorgang; ganz im Gegenteil, in dieser Zeit der räumlichen Enge durch die Wohnungsnot und den damit unweigerlich einhergehenden Reibereien ungewöhnlich. Kurt Schaper setzte sich über diese Vorbehalte hinweg und sprach Alfred Riedel an:

„Du hast mich vor zwei Jahren nach einem Verkauf gefragt, da wollte ich nicht. Jetzt will ich verkaufen und Du bist der Erste, den ich dazu anspreche. Allerdings verkaufe ich nicht einzelne Grundstücke, sondern nur das ganze Flurstück mit 7 Bauplätzen zusammen. Also, such Dir andere Familien, die dort auch bauen wollen.“

 

Gesagt, getan!

Alfred Riedel fragte unter seinen ehemaligen Nachbarn aus Heidegrund, ob sie Interesse an einem der sieben Bauplätzen hatten. Der Grundstückseigentümer Post Schaper hatte für den Verkauf auch schon einen Verkaufspreis genannt. Die schlesischen Bauwilligen waren durch die Vertreibung vermögenslos geworden und konnten nur bauen, wenn sie das Darlehensprogramm des Lastenausgleichsgesetzes nutzten. Dieses sah vor, dass die Grundstücke mindestens eine Größe von 1.250 m² haben mussten und offiziell als landwirtschaftlicher Nebenerwerbsbetrieb galten, die Kreditlaufzeit war 30 Jahre mit festem Zinssatz. Es fanden sich 6 weitere Bauwillige, so dass der Verkauf über die Bühne gehen sollte.

Da Bauland knapp war, hatten weitere Interessenten Kenntnis von dem Grundstücksverkauf bekommen und boten dem Grundstückseigentümer einen ca. 15 % höheren Preis pro Quadratmeter. Post Schaper informierte die 7 Bauwilligen über die neue Sachlage. Er sagte aber zu Alfred Riedel:

„Du hast mich als Erster angesprochen und wenn ihr mir diesen Preis auch zahlt, dann verkaufe ich an Euch.“

Für alle Bauwilligen eine völlig überraschende und kostspielige Nachricht. Eine laute und aufregende Diskussion setze unter ihnen ein und es herrschte Zweifel, ob dies nun machbar ist. Nach kurzem Nachdenken sagt Alfred Riedel:

„Ich mache das auch zu diesem Preis. Das ist jetzt deutlich teurer als geplant, aber wenn ich in 5 Jahren an diesen Häusern vorbeigehe und habe es nicht gemacht, dann bereue ich es mit Sicherheit. Dies hätte mein Haus sein können. Nein, jetzt ist es günstig für mich und meine Familie. Ich wage diesen Schritt.“

Nach dieser Zusage änderte sich die Diskussion und die anderen Bauwilligen gingen in sich und erkannten auch die einmalige Chance und stimmten zu.

 

Hausbau mit Eigenleistung

Nach dem Grundstückskauf ging es an die Umsetzung. Zu dieser Zeit war ein Bauboom entstanden und die Auftragsbücher der Bauunternehmer prall gefüllt. Es konnte nach einiger Suche ein Bauunternehmer gefunden werden, der aber einen bestimmten Bautyp fertigen wollte. So kam es, dass die heutigen Häuser der Heidegrunder Straße mit den Hausnummern
6, 8, 10, 12, 14 und 16 nach dem gleichen Bauplan gebaut wurden. Lediglich das Haus der Heidegrunder Straße 4 wurde dagegen nach einem anderen Plan gebaut.

Um die Baukosten möglichst gering zu halten, wurde viel in Eigenleistung (der sog. „Muskelhypothek“) erbracht, was für die Bauherren, die als Arbeiter oder Handwerker ihr Geld verdienten, auch möglich war. Auch aus dem Kreis weiterer Bauwilliger in Föhrste und Alfeld gab es immer wieder aktive Nachbarschaftshilfe beim Bau. Die Eigenheime konnten nicht nur kostengünstig, sondern auch schnell gebaut wurden. 1959 zogen die Ersten in ihre Häuser ein, die restlichen Familien folgten dann 1960.

 

Straße mit neuem Namen

Mit den neuen Häusern in der Straße stellte sich für die Gemeinde Föhrste die Frage, wie sollte die neue Straße heißen. Der bislang gebräuchliche Name der Verwaltung für die Felder zwischen den Wäldern von Schlehberg und Humberg war „Am Twistberg“. In der Gemeinderatssitzung wurde darüber länger diskutiert. Bruno Riedel hat den Namen Heidegrunder Straße vorgeschlagen, da die meisten Familie der neuen Häuser aus Heidegrund kamen. Unterstützung bekam dieser Vorschlag von der Lehrerin der Föhrster Schule, Frau Brigitte Kremser, die betonte, dass damit die Erinnerung an die schlesische Heimat erhalten bleibt und deren Name nicht ins Vergessen gerate. Dieser Anregung folgte der Gemeinderat und fasste den Beschluss zur Namensänderung.

Zum Gedenken an die Entstehung der Heidegrunder Straße im Jahr 1959 wurde im November 2010 am Eingang der Straße, auf Anregung von Klaus Müller und Frank Kumbier, ein Gedenkstein gesetzt und eingeweiht, der eine zusätzliche Erinnerung darstellt.

 

v.l. Klaus Müller (Initiator Gedenkstein), Alfred Riedel (gebürtiger Heidegrunder und Ideengeber für die Bebauung der Straße), Georg Hoffmann (gebürtiger Heidegrunder), Frank Kumbier (Initiator und Umsetzung Gedenkstein), Brigitte Harms (gebürtige Heidegrunderin) mit Enkelsohn.

 

Fazit

Das Dorf Föhrste ist durch die Häuser der Schlesier gewachsen, räumlich wie auch personell. Deutschland hat auf diesem Weg den Vertriebenen aus ihrer Notlage geholfen. Alle Faktoren zusammen stehen für das deutsche Wirtschaftswunder vor Ort. Dieser Erstbebauung folgten in den nächsten Jahrzehnten noch 4 weitere Bauabschnitte, so dass die Heidegrunder Straße ihre heutige Größe (wie auf dem obigen Luftbild erkennbar) erreicht hat.